Gesund & Fit: Übungen, die jeder Badmintonspieler durchführen sollte - Teil 1

Einführung: Überraschende FMS-Ergebnisse von Badmintonspielern

Verletzungsprophylaxe ist eines der Ziele im Kraft- und Athletiktraining im Leistungssport Badminton. Gesunderhaltung sollte aber auch im Freizeit- und Wettkampfsport Badminton einen hohen Stellenwert einnehmen. Neben akut eintretenden Verletzungen, die selbst im gut aufgewärmten Zustand oft aus einer Kombination aus Ermüdung, fehlender Kraft, Stabilität und Mobilität, ungünstiger Technik, und „Pech“ entstehen, sind so genannte „overuse injuries“, also Verletzungen resultierend aus übermäßiger Abnutzung im Badminton, vorherrschend (vgl. z.B. Kondric et al., 2011). Dies Verletzungen entwickeln sich schleichend innerhalb von Monaten und Jahren. Ihre Rehabilitation ist dann ebenfalls oft langwierig und im Falle von Knorpelverschleißerscheinungen teilweise auch nicht reversibel.

Die folgende Artikelreihe „Übungen, die jeder Badmintonspieler durchführen sollte“ gibt im vorliegenden ersten Teil eine Einführung in diese Thematik und liefert im zweiten bzw. dritten Teil jeweils drei Übungen, die, eingebaut in das Aufwärmprogramm, vor diesen „overuse injuries“ schützen und die Gesunderhaltung in der höchst beanspruchenden Sportart Badminton unterstützen können. Um mögliche Schwachstellen eines Athleten zu finden, hat sich im Spielsport der Functional Movement Screen (FMS), vorgestellt im Jahre 2006 von Gray Cook und Lee Burton, mittlerweile auch hierzulande etabliert. Ursprünglich gewann der FMS erste Aufmerksamkeit in Deutschland durch Jürgen Klinsmann und seine amerikanischen Fitnesstrainer um Mark Verstegen, die den Test in der Fußballnationalmannschaft etablierten, um individuell bestmöglich Verletzungsprophylaxe zu betreiben und mögliche leistungseinbüßende Faktoren zu identifizieren. Im Badmintonbereich wird der Test z.B. an den Nachwuchszentren in Hamburg und Mülheim, beim Deutschen Nationalteam aber auch innerhalb der Chinesischen Nationalmannschaft genutzt. Der FMS besteht aus sieben, teilweise beidseitig durchzuführenden Screeningübungen, die auf einer Skala vom 0-3 Punkten nach festgesetzten Kriterien bewertet werden. Zu den Testübungen gehören eine tiefe Kniebeuge, eine Ausfallschrittkniebeuge, ein Hürdenschritt im Einbeinstand sowie Übungen, welche die Schulter- und Hüftmobilität sowie die Stabilität im Rumpf evaluieren. Das Testergebnis liefert nicht nur Hinweise auf potentielle individuelle Schwachstellen, sondern ebenfalls ein Gesamtergebniss zwischen 0-21 Punkten, wobei diverse Studien vorliegen, die bestimmte Punktezahlen mit Verletzungswahrscheinlichkeiten verbinden. Wünschenswert ist eine Punktzahl von größer gleich 14 - gleichbedeutend mit einer Durchführung jeder Testübung mit nur kleinen Kompensationen, also festgelegten möglichen Fehlerbildern.

Während FMS-Ergebnisse von Haus aus individuell zu betrachten sind, häufen sich bestimmte Ergebnisse innerhalb der Sportart Badminton, die vergleichbar mit anderen Überkopfsportarten sind. Dies ist weniger überraschend, da Belastungs- und Beanspruchungsprofile in diesen Sportarten ähnlich sind und die zu Grunde liegende Population aus derselben „modernen“ Gesellschaft mit ihren Problemen wie Bewegungsmangel, fehlender Ausbildung koordinativer Grundmuster sowie Haltungsproblematiken stammt.

Badminton ist, durch die große Anzahl von Ausfallschritten in die jeweiligen Spielfeldecken und größtenteils defensive athletische Position („vorgebeugte Haltung), ein hochgradig quadrizeps-dominanter Sport. Nimmt man noch die vielen Starts, Sprünge und Abstoppbewegungen, meist einbeinig durchgeführt, hinzu, ergibt sich bereits für den Rumpf und die unteren Extremitäten eine enorm hohe Anforderung. Addiert man jetzt noch die doppelt einseitig (ein Schlagarm plus die meisten Schläge mit der Vorhand) durchgeführten, oft explosiven und abgestoppten Schläge, erhöht sich der Stress für die Rumpfregion und es ergibt sich eine große Beanspruchung für den Bereich von Brustwirbelsäule und Schulter.

Typische Ausgleichsübungen aus diesem Wissen des Anforderungsprofiles „Badminton“ sind Übungen zur Aktivierung der rückwärtigen Hüftmuskulatur und der Schulterblattstabilisatoren sowie Stabilisationsübungen für den Rumpf und den Schulter-Oberarm-Komplex. Nichts desto trotz sind einige der Ergebnisse, die man im Badmintonbereich findet, überraschend. Diese sollten an dieser Stelle vorgestellt, diskutiert und entsprechende, zusätzlich zu den eben bereits angesprochenen Ausgleichsübungen, Lösungen präsentiert werden.

Das Erreichen früher Treffpunkte am Netz ist essentiell für ein erfolgreiches Badmintonspiel - um zum Beispiel im Einzel Druck auf den Gegner auszuüben oder im Doppel den Punkt abzuschließen. Automatisch kommt so eine große Anzahl von Ausfallschritten und einbeinigen Landungen zusammen. Überraschenderweise haben aber gerade Spieler und Spielerinnen mit dieser Stabilität in den FMS-Testübungen Probleme. Ausweichbewegungen und Instabilität in Fuß, Knie und Hüfte sowie im Rumpf sind in Ausfallschrittposition und Einbeinstand fast bei jedem Sportler zu sehen. Aber wie genau können diese Sportler dann mit dieser instabilen Basis präzise Schläge am Netz ausführen und sich schnell aus den Spielfeldecken bewegen? Letztendlich können sie dies nicht. Betrachtet man den Schlag selber, wird dieser oft vor dem Stabilisieren ausgeführt, teilweise ja sogar bevor das rechte Bein auf den Boden aufsetzt. Bei Schlägen mit längeren Kontaktzeiten oder auch Finten passieren hier genau die Fehler. Beim Schnittdrop am Netz führt fehlende Stabilität im Oberkörper zum Beispiel dazu, dass man dem Ball zu wenig Impuls in Richtung Netzt gibt (durch den „fallenden Oberkörper“). Schauen wir auf die Landung und Rückkehr aus den Ecken, sind diese Instabilitäten nicht potentielle Gefahrenquellen für z.B. Kreuzbandverletzungen. Vielmehr geht hier auch Zeit verloren, wenn die Bewegungen nicht stabil in die richtige Richtung geführt werden können. Langfristig erzeugt ein Mehr an Bewegung in eigentlich stabilen Positionen natürlich auch mehr Abnutzung - eben genau die oben angesprochenen „overuse injuries“. Gerade bei der Rückkehr aus den Spielfeldecken unterscheiden sich auch die Leistungsniveaus - Hobbyspieler, Jugendspieler, Ligaspieler und Nationalspieler - erheblich. Bedeutet dies, dass bessere Spieler automatisch stabiler sind? Nicht unbedingt: Letztendlich wird auf hohem Niveau einfach besser kompensiert. Dennoch, genau diese Sachverhalte stellten Potentiale für mehr Leistung dar.

Das gute für den Trainer: Selbst Weltklasse-Athleten können sich verbessern (und ihrer Karriere verlängern), wenn fundamentale Dinge bearbeitet werden. Schaut man sich eben diese Problematik genauer an, sollten die folgenden Bereiche angesteuert werden:

1) Fußgelenksmobilität, um alle erforderten Winkel zwischen Fuß und Unterschenkel zu ermöglichen und somit stabilen Kontakt vor und neben dem Körper zu gewährleisten

2) Stabilität in einbeinigen Positionen und Ausfallschritten und - sprüngen

3) Rumpfstabilität, welche nicht nur die Stabilität der unteren Extremitäten beeinflusst, sondern auch die Schlagausführung

Zugehörig dazu werden in den nächsten beiden Teilen die folgenden Übungen vorgestellt:

Focus Stabilität:

a) Clamshells (Hüftaußenrotation in Seitlage)

b) Handwalk

c) Ausfallschritt-Komplex-Rückwärts

Focus Mobilität:

a) Fersensitz (Kniebeuge „oben“)

b) Oberkörper-Drehung+

c) 3-Wege-Hüftmobilisation

Die Übungen können jeweils im Aufwärmprogramm aber auch als eigenständige Übungen innerhalb eines Athletik- und Stabilisationsprogramms (z.B. im Anschluss an das Hallentraining) durchgeführt werden.

Eine visuelle Demonstration der jeweiligen Übungen finden Sie online als Video unter http://www.dr-badminton-training.de/BadmintonSport2016 .

Diemo Ruhnow (MSc Sports Coaching, Dipl.Trainer) ist als hauptamtlicher Bundestrainer Damendoppel für das Training der Doppel- und Mixeddamen sowie für das Athletiktraining des Damenteams im Deutschen Badminton Verband tätig. In seiner Freizeit schreibt er u.a. für die Badminton Sport sowie für seine Webseiten http://www.badminton-training.de (Deutsch) und http://www.badminton-training.com (English).

Quellen:

Cook, G., Burton, L., Hoogenboom, B. (2006a) Pre-participation screening: the use of fundamental movements as an assessment of function – part 1. North American Journal of Sports Physical Therapie, 1(2), pp. 62-72.

Kondric, M., Matkovic, B, Furjan-Mandic, G., Hadzic, V., Dervisevic, E. (2011) Injuries in Racket Sports among Slovenian Players. Collegium Antropologicum, 35(2), pp. 413-417.

Ruhnow, D. (2010) Funktionelles Krafttraining im Badminton. Hamburg. Diemo Ruhnow’s Badminton Training.

Ruhnow, D. (2013) A surprising FMS result in Badminton athletes. Mike Boyle’s Strength Coach Website: http://www.strengthcoach.com/members-A-Surprising-FMS-Result-in-Badminton-Athletes.cfm (Zugriff am 16.01.2016).

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